Erinnerungen an Ghana

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(Lena Drössler  September 2011 – Februar 2012)

Vor etwa 1 ½ Jahre bin ich auf die Internetseite von nima-ev. gestoßen, habe die Erfahrungsberichte, der ersten beiden Freiwilligen gelesen, mir die Bilder angeschaut und sofort war mit klar – genau da möchte ich hin! Und wie es Zufall, Glück und Nima-ev. wollten, bekam ich im September 2011 wirklich die Chance für sechs Monate als „helping hand“ nach Ghana zu reisen.

Gleich vorweg muss ich sagen, dass das halbe Jahr einfach wundervoll war. Ich habe soviel gelernt, Erfahrungen gesammelt, tolle Menschen und vor allem Kinder kennengelernt und lieb gewonnen.

Doch jetzt der Reihe nach. Als wir im September 2011 in Ghana ankamen wurden wir am Flughafen sogleich total herzlich von Muda (unserem ghanaischen Papa), den Mitarbeitern aus dem Juniorprogramm und dem Waisenhaus empfangen. Ich habe mich sofort willkommen gefühlt. Die Waisenhauskinder waren noch in den Ferien, darum war es noch sehr ruhig in Tuba. Das war zur Eingewöhnung nicht schlecht, da uns hier einfach ein komplett anderes Leben erwartete. Erstaunlicher Weise hat man sich jedoch sehr schnell an das ghanaische Leben gewöhnt. Schon nach kurzer Zeit war Wasserschleppen, Stromausfall, Wäsche waschen, etc. ganz normal und gehörte einfach zum Alltag dazu. Die Menschen in unserem Dorf Tuba, Muda und seine Familie sowie die Mitarbeiter im Waisenhaus, haben einen großen Teil dazu beigetragen, dass wir uns schnell wie zuhause fühlten, da sie uns mit offenen Armen empfangen haben und uns immer mit Rat und Tat zur Seite standen.

 Doch nun zu meiner Arbeit in Ghana und all den wundervollen Kindern. Morgens war ich mit drei anderen Freiwilligen in der Crèche. Das war zu Beginn nicht einfach. Uns erwarteten dort 150 kleine Kinder im Alter von 1-5 Jahren, die die meiste Zeit des Tages still in Klassenräumen sitzen und Sprüche und Lieder aufsagen mussten. Hier stand nicht wie in deutschen Kindergärten Spiel und Spaß auf der Tagesordnung. Am Anfang waren wir etwas schockiert. Zudem waren es einfach so viele Kinder, die für uns alle ähnlich aussahen, und die den ganzen Tag an uns hingen, auf den Arm genommen werden wollten und einfach Aufmerksamkeit und Zuneigung verlangten. Zwei Wochen haben wir uns das ganze angeschaut und dann einen Plan entwickelt. Wir haben den Klassen verschiedene Tiernamen gegeben. So gab es eine Monkey-, Elephant-, Tiger-, Frog- und eine Fishklasse. Jeden Tag nahmen wir eine andere Klasse mit auf das große Fußballfeld hinter der Crèche, um dort mit den Kindern zu spielen und zu singen. Wir wollten, dass die Kinder sich austoben und richtig Kind sein konnten. Jeden Morgen rannten und tanzten wir über das Feld, sangen englische und deutsche Lieder, spielten Ball, ahmten Tiere nach oder schauten Bilderbücher an. Die Arbeit war sehr anstrengend. Zum einen war es extrem heiß und es gab keinerlei Schatten, zum anderen haben ghanaische Kinder so unglaublich viel Energie und sind oft mals außer Rand und Band. Es hat beispielsweise Wochen gedauert bis sie das Spiel „faules Ei“ verstanden haben, da sie diese Art von Spiel einfach nicht kennen. Die kleine Rasselbande hat uns wirklich ganz schön gefordert und auf Trab gehalten, aber es hat auch unglaublich viel Spaß gemacht. Mit der Zeit kannte man auch alle Gesichter, so gut wie alle Namen und hat die Kleinen richtig lieb gewonnen. Und wenn ich dann nachmittags oder am Wochenende durchs Dorf gelaufen bin und die Kinder angerannt kamen und „Lena, Lena“ gerufen oder lautstark „5 kleine Fische“ gesungen haben, wusste ich warum ich jeden Morgen drei Stunden durch die knalle Hitze renne J .

Nach der Crèche hatten wir erst einmal Pause. Diese nutzen wir zum Schlafen,  Duschen, Putzen und Wäsche waschen. Um 15 Uhr kamen dann die Waisenkinder aus der Schule und Créche nach hause und es begann der beste Teil des Tages. Wir machten gemeinsam Hausaufgaben, spielten Fußball und Volleyball, sangen Lieder im abendlichen Stuhlkreis, beteten, aßen zu Abend, lernten und brachten die 23-köpfige Rasselbande ins Bett. Alle waren eingespannt und hatten alle Hände voll zu tun, aber jeden Tag aufs neue hat die Arbeit im Waisenhaus einfach so unglaublich viel Spaß gemacht. Diese 23 Kinder sind so wundervoll und besonders. Obwohl ich auch in Deutschland schon sehr viel mit Kindern gearbeitet habe, habe ich noch nie solche Kinder getroffen. Jedes einzelne habe ich total lieb gewonnen und mit der Zeit sehr gut kennengelernt. Das besondere an ihnen ist, dass sie so voller Energie, aufgeweckt, anhänglich und neugierig sind. Man kann es kaum beschreiben, man muss es einfach erleben. Eines Abends beispielsweise saß ich mit Fadila, dem kleinsten Mädchen, auf der Veranda und hab mit ihr die Sterne angeschaut und dann hat sie gefragt, ob wir Weißen, denn auch von so einem fernen Stern kommen.

Natürlich war auch die Arbeit im Waisenhaus oft anstrengend, da 23 Kinder ein ganz schönes Chaos anrichten können und es einfach nie ruhig ist. Vor allem abends, wenn nach dem Abendessen noch einmal gelernt wurde, waren wir oft alle sehr müde und haben mit viel Mühe versucht noch etwas zu lernen oder lesen und schreiben zu üben. Selbst die wildesten Bengel sind da als mal am Tisch eingeschlafen.

Jeder Tag mit den Kindern brachte neue Abenteuer und Herausforderungen. Beispielsweise wird die Veranda bei Regen plötzlich in einen Swimmingpool verwandelt und alle Kinder sind klitsche nass oder es gibt eine große Aufregung, weil plötzlich eine Schlange im Schuhschrank auftaucht. Auch das Feiertag (und somit schulfrei) ist, erfährt man oftmals erst einen Tag vorher und muss sich dann schnell noch ein Programm überlegen, wie man die Kinder dann den ganzen Tag beschäftigt. Auch wenn solche Tage meist sehr überraschend kamen, waren sie wunderschön. Wir haben Mannschaftsspiele veranstaltet, Schmuck gebastelt, Activity gespielt, eine Wand bemalt, Eis gemacht, Pfannenkuchen gebacken und vieles mehr. Der Kreativität sind kaum Grenzen gesetzt und die Kinder kann man wirklich für alles begeistern.

Die sechs Monate vergingen wie im Flug. Ich glaube das war wirklich das schnellste halbe Jahr meines Lebens. An den Abschied wollte ich gar nicht denken und selbst am Tag vor unserem Abflug, konnte ich mir kaum vorstellen, bald wieder in Deutschland zu sein und all dies hinter mir zu lassen. Die Kinder haben uns super süße Abschiedsgeschenke gebastelt und gefragt ob wir nicht bleiben können und uns bei ihnen im Schrank verstecken. So gerne wir das getan hätten, das war leider nicht möglich und somit flogen wir nach einem sehr sehr traurigen Abschied am 1. März 2012 zurück nach Frankfurt. Ehrlich gesagt war es fast schwieriger sich wieder in Deutschland einzuleben, als im Jahr zuvor in Ghana. Alles kam mir grau, kalt und isoliert vor. Das hört sich vielleicht total klischeehaft an, aber ich vermisse die Lebensfreude, Offenheit und Herzlichkeit der Afrikaner hier wirklich total und am meisten natürlich die Kinder.

Obwohl ich mich inzwischen wieder recht gut in Deutschland eingelebt habe, denke ich jeden Tag an Ghana und die tollen Menschen dort. Die sechs Monate werden eine unvergessliche Zeit und mir immer im Gedächtnis bleiben.

                                                                                                                                                                            (Juni 2012, Lena Drössler)

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